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Posts Tagged ‘Laugharne’

„Und obgleich ich ein Fremder bin, werde ich doch kaum jemals mehr auf der Straße gesteinigt, und ich kann mich rühmen, mehrere von den Einwohnern und sogar einige von den Reihern beim Vornamen nennen zu dürfen.

Nun leben manche Leute in Laugharne, weil sie in Laugharne geboren sind und keinen Grund hatten, wegzuziehen. Andere zogen eigens her, aus einer Anzahl merkwürdiger Gründe, aus so weit entfernten und so unwahrscheinlichen Orten wie Tonypandy, oder sogar aus England. Und jetzt sind sie von den Eingeborenen aufgesogen worden.

Einige sind im Dunkeln in die Stadt gekommen und sofort verschwunden, und man kann sie manchmal in bangen schwarzen Nächten hören, wie sie in leerstehenden verfallenen Häusern Lärm schlagen, aber vielleicht sind es auch nur die weißen Eulen, die dicht nebeneinander atmen, wie Gespenster im Bett. Andere sind fast ganz sicher hergekommen, um der internationalen Polizei zu entgehen, oder gar ihren Frauen; und dann gibt es hier auch die, die noch immer nicht wissen und auch nie mehr wissen werden, weshalb sie überhaupt da sind.“

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Hin und wieder, hinaus und hinab, hoch und trocken, Mann und Junge, habe ich jetzt seit fünfzehn Jahren oder Jahrhunderten in dieser zeitlosen, schönen, verrückten, verzückten Stadt gewohnt, in diesem fernen, siebenschläfernden wichtigen Ort mit seinen Reihern, Kormoranen (die hier Entenböcke heißen), mit seinem Schloß, mit seinem Friedhof, seinen Seemöwen, Geistern, Gänsen, alteingesessenen Feindschaften, Schaudermärchen, Skandalen, Kirschbäumen, Geheimnissen, Dohlen in den Schornsteinen, Fledermäusen in den Oberstübchen der Türme, Skeletten in den Schränken, Wirtshäusern, Schlammkuhlen, Muscheln, Flundern und Brachvögeln, mit seinem Regen und seinen menschlichen und oft allzu menschlichen Geschöpfen …

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Vor fünfzig Jahren war Dylan Thomas ein Star, der berühmteste Poet der Alten Welt. Noch heute hat sein Name in den Ländern englischer Zunge einen guten Klang. Bei uns sind seine Dichtungen jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten – eine Erinnerung nur, weit weg.

Als Leiche kehrt er von seiner vierten Lesereise durch die Vereinigten Staaten nach Wales zurück. Sein früher Tod macht ihn endgültig zur Legende. Der tote Dichter wird am 24. November 1953 in Laugharne beerdigt. Das Städtchen platzt aus den Nähten. Verwandte, Freunde, Nachbarn, Bekannte und Neugierige ziehen durch die Straßen und hinauf zur Kirche St. Martin, wo Pfarrer Williams aus dem ersten Korintherbrief zitiert. Nach einem letzten Gebet wird der Sarg in die Erde gesenkt. Die Aussicht ist herrlich: https://amerker.de/ess4601.php

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Dylan Thomas_Laugharne 3

Einige kamen auch so wie ich, kamen einfach eines Tages nur für einen Tag, und gingen nie mehr weg, stiegen aus dem Omnibus aus und vergaßen wieder einzusteigen“ – ..

„Aber wenn man in einem Dorf oder in einer Stadt in der Umgebung sagt, daß man aus diesem einzigartigen, aus diesem verführenden, alten, verlorenen Laugharne kommt, wo einige Leute schon in den Ruhestand zu treten beginnen, bevor sie noch zu arbeiten begonnen haben, und wo längere Reisen von etlichen  hundert Metern oft nur zu Fahrrad unternommen werden, dann, ja dann, dann rücken die Vorsichtigen gleich ein Stück weit ab, und es wird geflüstert und geseufzt und unter dem Tisch angestoßen, und bewegliche Dinge werden schnell entfernt. „Gehen wir lieber, bevor noch der Wirbel losgeht“, hörst du. >>>

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Dylan Thomas_Laugharne 4

Die sind alle nur neidisch. Sie beneiden Laugharne darum, dass es sich nur um seine eigenen seltsamen Angelegenheiten kümmert; um seine kluge Verachtung für alle Eile; um seine Großzügigkeit, mit der es die Narrheiten anderer hinnimmt, weil es doch selbst schon so viele reife laut pfeifende Narrheiten hat. Sie beneiden es um seine Inselfederbettatmossphäre, um seine Philosophie, dass in hundert Jahren ohnehin alles eins sein wird. Sie sind ungehalten, dass Laugharne in ihren Augen so unrecht haben und es sich dabei doch wohl so wohl lassen kann. Und aus Neid und Empörung verschreien sie es als märchenhaft faules kleines hexensabbatruhiges Narrenhaus am Meer. Und ist es das wirklich? Natürlich nicht die Spur! Hoffentlich nicht, wenigstens.

Dylan Thomas – Am frühen Morgen – Drei Brücken Verlag, Heidelberg 1957.

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