Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Filosofaxen’

Über die Tücken der Verallgemeinerung

Den Satz schrieb 2017 das Transgender-Model Munroe Bergdorf auf Facebook. Natürlich erhob sich umgehend ein Shitstorm. Man kann den Satz simpel, dumm, falsch, beleidigend, selber rassistisch finden. Das ist breitgetretener Quark. Darauf möchte ich hier nicht eingehen, sondern auf etwas Unsichtbares, Unscheinbares: die logische Struktur der Aussage. Sie enthält selber auch einigen Zunder. Der Satz lässt sich nämlich umformulieren in einen logisch gleichwertigen: «Alle Nicht-Rassisten sind nicht weiss». Das erscheint auf dem ersten Blick unverfänglich – bis wir nach Evidenz für die Aussage suchen. 

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/11/alle-weissen-sind-rassisten-uber-die.html

Werbung

Read Full Post »

Hat man keine Argumente oder kommt nicht an gegen einen Opponenten, baut man stattdessen einen Strohmann auf und greift diesen an; schreibt ihm etwa Äusserungen zu, die er nicht getan hat. Tatsächlich schützt das Personenrecht am eigenen (geschriebenen) Wort solche Unterstellungen. Aber in der freien Wildbahn der sozialen Netzwerke dürfte es schwierig sein, diesem Recht zur Geltung zu verhelfen. Nicht zuletzt verschafft einem das Strohmann-Bashing Ersatzbefriedigung. Und der Lustgewinn wächst proportional zur Anzahl mitbeteiligter Haudraufs.

***

Das bringt ein hässliches Merkmal des Cancelns zum Vorschein, das natürlich den Charakter der Interaktion im Netz spiegelt: Gruppendenken, im Fall des Cancelns libidinöses «Groupshaming» – eine Form von moralischer Bandenvergewaltigung. Dabei spielt vermutlich nicht einmal die gecancelte Person eine Rolle, sondern das cancelnde Ego …

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/11/canceln-ende-der-kritik-im.html

Read Full Post »

Ein künstliches moralisches Orakel

Ein Team von Computerwissenschafterinnen und -wissenschaftern von der Washington University erregte 2021 einiges Aufsehen mit einem ethischen Algorithmus namens «Delphi».  Es handelt sich um ein künstlich intelligentes (KI) System, basierend auf der Architektur des Deep Learning. Es «beurteilt» menschliche Verhaltensweisen. Zum Beispiel Essverhalten. Gibt man «Schweinefleisch essen» ein, kommentiert das System «Das ist in Ordnung»; aber auf «Würmer essen» antwortet es «Das ist widerlich». Genau so quittiert Delphi ethisch relevantes Verhalten. «Wokeness ablehnen» ist «schlecht», aber «Ein ertrinkendes Kind retten, wenn man nicht schwimmen kann» ist «gut». Das KI-System befindet sich in der Experimentierphase. Einstweilen kursiert es als App «Ask Delphi». 

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/11/nzz.html

Read Full Post »

Ein halbes Dutzend Keulen

Rhetorik ist die listige Schwester der Logik. Sie tut so, als argumentiere sie zwingend, dabei will sie vor allem eines: manipulieren. Ihr Arsenal steckt voller erprobter argumentativer Keulen. Hier eine kleine Auslage von gegenwärtig beliebten Exemplaren. 

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/10/wie-man-einen-diskurs-totschlagt-ein.html

In einschlägigen Kreisen heisst diese Keule «tone trolling» oder «tone policing». Der Ton-Troll stösst sich am Ton seines Gesprächspartners, an einem unglücklich gewählten Wort. Es tut nichts zur Sache, und doch pimpt der Ton-Troll es zur «Sache» auf. Er trägt die Keule des Beleidigtseins, Betroffenseins, Empörtseins immer schlagbereit mit sich,  wartet auf jeden falschen Ton: Schock! Skandal! Shit! 

Read Full Post »

Clauser, Zeilinger, Aspect

Im Februar 2017 erschien in den Physical Review Letters der kurze Bericht über ein Experiment, das vermutlich wenige beachteten. Physiker in Wien richteten Licht von Sternen aus einer entfernten Ecke unserer Milchstrasse auf eine Vorrichtung, welche die Polarisation von Photonen misst. Das Team der Physiker leitete Anton Zeilinger, der jetzt den Nobelpreis 2022 erhält. 

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/10/nobelpreis-fur-quantenspuk-im-februar.html

Read Full Post »

Die (un)heimliche Macht minoritärer Sturheit . – Von Filosofaxen

Der Finanzmathematiker und Publizist Nassim Taleb spricht in seinem Buch «Skin in the Game» (2018) von der «verborgenen Asymmetrie im alltäglichen Leben». Damit meint er etwas Banales, das in einer Schweizer Redensart sehr schön zum Ausdruck kommt: «Der Gschiider git nah, der Esel blibt stah» – «der Kluge gibt nach, der Esel bleibt stehen». Unter einem Esel will ich hier schlicht eine Person verstehen, die ihre Meinung unter keinen Umständen ändert; unter einem Klugen, wer seine Meinung je nach Umständen ändert. Es braucht oft nur eine kleine Anzahl Esel, um ziemlich grosse kollektive Effekte – auch unter Klugen – zu bewirken. 

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/09/esel-und-kluge-die-unheimliche-macht.html

Read Full Post »

Bist du dafür oder dagegen?  Transphil oder transphob, vegan oder nichtvegan, regulierten oder deregulierten Markt, Impfen oder Nicht-Impfen, Waffenlieferung an die Ukraine oder nicht? Der Imperativ des Positionsbeziehens ist endemisch. Aber vergessen wir nicht das Gegenteil des Entweder-oder,  das Weder-noch. Und darauf verweist der Wortstamm von «neutral»: keines von beiden. Man verbindet damit gern die Haltung des Ausweichens, Zauderns, Lavierens. Roland Barthes, Autor der berühmten «Mythen des Alltags», zählte das Weder-noch-Denken seiner Zeit zu diesen Mythen. «Ninisme» nannte er es («ni.. ni..»). Er meinte damit ein Denken, das sich dank eines «mythischen» neutralen Standpunkts über den damaligen Konflikten zwischen links und rechts als erhaben wähnt: «Man wägt Methoden mit der Waage ab, belädt ihre Schalen nach Gutdünken, um sich selber als unbelasteter Schiedsrichter betrachten zu können (..) Schon möglich, dass unsere Welt zweigeteilt ist, doch man kann sicher sein, dass über dieser Spaltung kein neutraler Gerichtshof waltet: keine Rettung für die Richter, sie sitzen im gleichen Boot». 

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/09/nzz29.html

Read Full Post »

Peter Bichsel meets Saul Kripke

«Warum heisst das Bett nicht Bild», fragte sich der alte Mann in Peter Bichsels Kurzgeschichte «Ein Tisch ist ein Tisch». Eine eminent philosophische Frage. Sie bewog den alten Mann zu einer radikalen Umdeutung der Wörter. «‚Jetzt ändert es sich’, rief er, und er sagte von nun an zu dem Bett ‚Bild’. ‚Ich bin müde, ich will ins Bild’, sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun zu dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl ‚Wecker’. Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er die Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin.»

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/09/der-alte-mann-und-der-tisch-peter.html

Read Full Post »

Der Schlimmstmöglichkeitssinn

Der französische Philosoph André Glucksmann schrieb 2015 kurz vor seinem Tod: «Wer davon überzeugt ist, dass es die ganz grosse Krise, die grosse Katastrophe nicht mehr geben kann, handelt sie sich erst recht ein». Glucksmann bezog sich auf den Einmarsch Russlands in die Krim 2014. Der Satz passt wie massgeschneidert auch auf die gegenwärtige Situation. Wir friedensgewohnten und konfliktentwöhnten Bürger westlicher Demokratien haben deren Verletzlichkeit aus unserem Denkhorizont nahezu ausgeschlossen. Der Publizist Richard Herzinger diagnostizierte kürzlich ein Wahrnehmungsdefizit: die Gefahrenverleugnung. Verbunden mit dieser Verleugnung sei «ein kollektiver Verlust des Kurzzeitgedächtnisses in Bezug auf frühere katastrophale Erfahrungen mit der vernichtenden Gewalt agressiver Feinde von Freiheit und Menschenwürde». 

https://kaeser-technotopia.blogspot.com/2022/07/nzz-12.html

Read Full Post »

Older Posts »