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Posts Tagged ‘agoradio’

Der Reifungsprozeß Hyperions findet sein Ende nicht mit dem Ende der Geschichte des früheren, erlebenden Hyperion. Indem er vom Früheren erzählt, schreitet das Bewußtsein des Erzählers Hyperion weiter voran. So überlagern sich nicht nur zwei Zeitebenen, sondern zwei Ebenen der Bewußtseinsbildung. Im ganzen handelt es um einen Prozeß, der in einem doppelten Kursus zum immer höheren Stufen geistiger Vermittlung führt. Diesen Grundzug des sich durch Reflexion immer höher entwickelnden Bewußtseins hat Hölderlin schon im Namen seines Helden angedeutet. Hyper-ion, bei den Griechen ein Zuname des Sonnengottes, heißt: der Darüberhingehende; lateinisch könnte man beinahe sagen: der Transzendierende.

Eine derart transzendentale, auf die reflektierende Aufhebung der realen Erfahrung und auf permanente Selbstübersteigerung im Bewußtseinsprozeß angelegte Dynamik ist ein Charakteristikum des Deutschen Idealismus. – Mit seinem Hyperion verwirklicht Hölderlin dichterisch das von Friedrich Schlegel theoretisch formulierte Programm der Transzendentalpoesie, die alles beschränkte Reale durch die Vorstellung eines unendlich Idealen aufheben soll. Hyperion ist der Roman des Deutschen Idealismus. Er ist es in einem ernsteren Sinne als der leichter zugängliche … Heinrich von Ofterdingen des Novalis, der sich einer artifiziellen Naivität hingibt und jeden Weltwiderstand umgeht.

Hyperions Bewußtseinsprozeß bezeichnet Hölderlin selbst als exzentrische Bahn. Dieses Schlüsselwort steht in der vorrede zu einer früheren Stufe des Werkes, das er … in Schillers literarischer Zeitschrift Neue Thalia veröffentlichte.

Friedrich Hölderlin: Hyperion – gelesen von Markus Boysen

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Von Hans-Joachim Lenger.

Einleitung: Zur Kritik der Gewalt gibt es beständigen Anlass, nicht erst nach Ereignissen wie dem Treffen der G20 in Hamburg. Diese Kritik widersetzt sich den Regimes, die die Intensitäten des Politischen einer Logik von Verwaltung und Polizei überantworten wollen, um als „Postdemokratie“ zum Gesetz des Handelns zu werden. Sie widersteht deshalb dem abstrakten Imperativ, der eine pauschale Distanzierung von jedweder Gewalt zur Voraussetzung machen will, um überhaupt noch das Wort ergreifen zu dürfen. Nie nämlich erfinden die Unterworfenen die Gewalt; stets finden sie sie vor. Wie also sollten sie sich „distanzieren“ können, wo sie ihr täglich ausgesetzt sind? Dies nicht erst da, wo die Systeme, in ihren Peripherien, die ökonomische Gewalt mit der militärischen verschränken und die Zahl ihrer Opfer in immer neue Höhe treiben. Subtil nistet die Gewalt bereits in Strukturen, deren Rechtsordnung zum Schweigen nötigt, was in deren Idiom nicht zur Sprache kommen kann. Eine Kritik der Gewalt sucht deshalb die Bruchstellen auf, an denen die Verfügungen des Rechts ein solches Schweigen erzwingen wollen und beständig erneuern. Deshalb sind dieser Kritik die Beziehungen zentral, die zwischen der Gewalt und der Sprache bestehen. Keineswegs legitimiert sie den sprachlosen Gewaltexzess, der selbst zum Teil einer herrschenden „Eventkultur“ wurde, wenn er Figuren einer Selbstermächtigung feiert, die sich an sich selbst berauscht. Zu keinem Zeitpunkt vergisst eine Kritik der Gewalt, was sie Walter Benjamin verdankt: „dass es eine in dem Grade gewaltlose Sphäre menschlicher Übereinkunft gibt, dass sie der Gewalt vollständig unzugänglich ist: die eigentliche Sphäre der ‚Verständigung‘, die Sprache.“

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Subtil nistet die Gewalt bereits in Strukturen, deren Rechtsordnung zum Schweigen nötigt, was in deren Idiom nicht zur Sprache kommen kann. Eine Kritik der Gewalt sucht deshalb die Bruchstellen auf, an denen die Verfügungen des Rechts ein solches Schweigen erzwingen wollen und beständig erneuern. Deshalb sind dieser Kritik die Beziehungen zentral, die zwischen der Gewalt und der Sprache bestehen. Keineswegs legitimiert sie den sprachlosen Gewaltexzess, der selbst zum Teil einer herrschenden „Eventkultur“ wurde, wenn er Figuren einer Selbstermächtigung feiert, die sich an sich selbst berauscht. Zu keinem Zeitpunkt vergisst eine Kritik der Gewalt, was sie Walter Benjamin verdankt: „dass es eine in dem Grade gewaltlose Sphäre menschlicher Übereinkunft gibt, dass sie der Gewalt vollständig unzugänglich ist: die eigentliche Sphäre der ‚Verständigung‘, die Sprache.“

agoradio.de/-sendungen

Manuskripte zum Download:

Wo der Daumen rechts ist

Sublimation und Gewalt

Göttliche Gewalt

Split Screen

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Sprecher: „Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein. Je nach dem, wo einer leiblich, vor allem klassenhaft steht, hat er seine Zeiten. Ältere Zeiten als die heutigen wirken in älteren Schichten nach; leicht geht oder träumt es sich hier in ältere zurück.“ (104)

Autor: So schreibt Ernst Bloch 1935 über ein Gestern im Heute, das sich unversehens re-inszeniert, um reaktionär auszuschlagen. Vor kurzem nannte man die Rechtsradikalen, die Faschisten noch die „ewig Gestrigen“. Ganz so, als seien sie nie in einer Gegenwart angekommen, die „unsere“ ist, so als seien sie Relikte einer Vergangenheit, die von allein vergeht. Mit dieser Vergangenheit, so die gedankenlose Annahme, würden auch diese Gestalten am Fortschritt zerfallen wie ein Gespenst im Licht des Tages. Der Fluss der Zeit, ihr vermeintliches Nacheinander, die Lineatur der Jahre, so wollte es diese Annahme, werde das Problem von allein lösen; kein Grund jedenfalls, ihm gesonderte Aufmerksamkeit zu widmen. Insofern kam die Rede vom „ewig Gestrigen“ vor allem einer Verharmlosung gleich. Blind vertraute sie darauf, dass Zeit einfach verginge und sich ein Gestern nicht aktualisieren könne. Doch nicht erst Bilder heutiger Aufzüge strafen dieses Gerede unübersehbar Lügen. Das Gestern ragt ins Heute hinein.- texte

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Wie lässt sich über ein Genre sprechen, dass sich eindeutigen Zuordnungen verweigert und das sich im gegenwärtigen popkulturellen Diskurs nicht klar eingrenzen lässt? Noise ist heute ein ebenso vielfältiges wie internationales Genre. Die verschiedenen Haltungen, Produktionsmethoden und Stilistiken, die unter der Bezeichnung Noise zusammengefasst werden sind so heterogen, dass bei näherer Betrachtung der Genrebegriff selbst problematisch wird.

Von den wenigen Autoren, die sich bisher auf theoretischer Ebene mit Noise auseinandergesetzt haben, wird es deshalb auch immer wieder als Anti-Genre bezeichnet. Dennoch gibt es charakteristische Merkmale, die Noise von anderen Spielarten extremer Musik unterscheiden. Provisorisch könnten sie als exzessiv bezeichnet werden. Noise ist zu viel/zu wenig: Zu viel Lautstärke, zu viele simultan stattfindende Ereignisse, zu wenig Struktur…. Diese exzessiven Merkmale lassen sich aber nur relational als Unterscheidungen zu Musik treffen, die eben nicht Noise ist.- agoRadio

Zugleich vermischt sich Noise mit anderen Genres, geht aus ihnen hervor, sickert in sie ein, wird von ihnen adaptiert oder hält sich in stilistischen Nahbereichen auf, die Genregrenzen verschwimmen lassen. Noiserock, Free Jazz, Glitch, Ambient, Drone, Grindcore, Industrial, Power Electronics und so weiter.

Die Ursprünge von Noise liegen in der japanischen Undergroundkultur der 80er Jahre. In Japan existiert seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der anschließenden Besatzung durch die USA eine spezifische Form des Musikhörens.

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„Dass es ein Vergessen gibt, ist noch nicht bewiesen“, schreibt Friedrich Nietzsche in seiner Morgenröte, „was wir wissen, ist allein, dass die Wiedererinnerung nicht in unserer Macht steht.“ Was nämlich ist „Erinnerung“? Was kehrt sie bereits sprachlich einem gewissen „Innen“ zu, in das wir uns „er-innern“ wollen? Und was lässt sie als Versuch eines „Innewerdens“ dessen erscheinen, was einmal „war“? Wie sollte das Gewesene überhaupt ins „Innere“ eintreten können? Denn von welchem „Innen“ ist hier eigentlich die Rede, in das wir in der Er-Innerung zu gelangen, in das wir zurückzukehren suchen wie in eine vergangene Gegenwart? Und weshalb scheitert daran „unsere Macht“, wie uns Nietzsche versichert? – Am 21.Juni wurde diese Sendung in der Bibliothek der HFBK Hamburg in einem Experiment hochschulöffentlich aufgenommen. Zur Sendung…

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Der nationalistische Mob, der gegenwärtig auf Straßen und in Wahlkabinen mobil macht, hat das „Abendland“ erneut zur Parole des Pogroms werden lassen. Je inflationärer sie in Umlauf gesetzt wurde, desto mehr mutierte sie zur Tirade derer, die alles aufs Spiel zu setzen bereit sind, weil sie nicht wissen, was auf dem Spiel steht. Noch der Rat der amtierenden Kanzlerin, zur Verteidigung dieses „Abendlands“ Weihnachtslieder zu fotokopieren und zur Blockflöte zu greifen, partizipiert an einer Ahnungslosigkeit, die sich nicht damit wird herausreden können, nur schlichten Gemüts gewesen zu sein. – In einer Lesung von Texten aus verschiedenen Jahrhunderten machen wir Spuren eines Buchs kenntlich, dessen Herkunft dunkel und das in seiner Kürze zu den rätselhaftesten gehört, die das frühe Mittelalter überlieferte. Das Buch der 24 Philosophen, so notiert sein Herausgeber Kurt Flasch, sei „das Originellste, um nicht zu sagen: das Verrückteste, was sich in einer mittelalterlichen Handschriftensammlung finden lässt. Der Text ist exzessiv eigensinnig, ein Ausbund an spekulativer Theosophie..

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