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Archive for 17. Februar 2016

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Adam Zagajewski: Jedes Gedicht braucht, was Bergson einmal als élan vital beschrieben hat. Élan bedeutet Energie. Und ich glaube, jedes Gedicht kommt aus einem élan – einem Hauch von etwas mehr. Ich würde nicht sagen, der Hauch des Göttlichen, aber ein Hauch.

Es gibt viele Dichter heute, die in einer künstlichen Welt leben, wo man das Gedicht bewertet als ob jeder ein Poet ist. Das führt dazu, dass die Gedichte eher sprachbezogen sind als erfahrungsbezogen. Ich glaube, in einem Gedicht muss man beides haben. die Erfahrung und die Sprache.

Wenn ich schreibe, sind das Wort und die Syntax sehr wichtig. Aber ich denke darüber nicht nach. Das ist rein intuitiv. Ich suche nach Worten, die mir geeignet scheinen. Aber das geschieht auf einer Stufe, die vortheoretisch ist. Es gibt andere, die daraus Theorien machen. Mich interessiert das nicht.

Wie ein Gedicht entsteht bei mir? Es ist manchmal ein Vers, eine Linie oder ein Gefühl oder ein kleines Erlebnis. Ich war vor kurzem in Berlin und nicht zum ersten Mal ich ging zu dem Dorotheenfriedhof im Zentrum. Er ist unglaublich, sehr snobistisch, mit allen großen Namen und ich weilte bei Bertolt Brechts Grab. Ich erlebte etwas, aber ich wusste nicht, was es war. Ich wusste, das war ein Gedicht, aber ich wusste noch nicht, was darin steckte. Zehn Tage später zuhause: Es ist wie ein Film, der entwickelt sein muss. Was ich empfunden habe, war so konzentriert. Ich brauchte eine lange Weile, das zu entwickeln und dann kam das Gedicht plötzlich. Der Moment des Schreibens ist wunderbar, weil man überhaupt nicht weiß, wohin man geht. Der letzte Vers, die letzte Linie, das ist immer eine Überraschung. Als ob jemand uns das schenkte im letzten Moment.

Verteidigung der Poesie bedeutet, etwas verteidigen, was im Menschen steckt, nämlich die fundamentale Fähigkeit, das Wunderbare der Welt zu erleben, das Göttliche im Kosmos und in anderen Menschen, in der Eidechse und in den Kastanienblättern. Ich verstehe Dichtung als die dauernde Frage nach dem Sinn der Welt aus der Perspektive des Schreibenden, als unaufhörliches Abwägen. Ich habe ein Bewusstsein davon, dass wir immer in einer zweiten Wirklichkeit leben; sie ist für mich die eigentliche Wirklichkeit.

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Die Tyrannei der Kreativität
Es ist ein Dogma unserer Zeit, dass jeder Mensch kreativ zu sein habe. Dass der kreative Imperativ destruktive Wirkung entfaltet, wird kaum je bedacht.
Seit rund einem halben Jahrhundert sorgt eine Idee für grosse Unruhe, die in früheren Phasen der Geschichte noch kaum vorstellbar war: die Idee vom kreativen Menschen. Dass in jedem Menschen ein «innerer Künstler» schlummert und es allein darum geht, «Blockaden zu lösen», um an die eigenen kreativen Potenziale heranzukommen, ist zu einem der erfolgreichsten Plots der Gegenwart geworden.- nzz.ch/meinung/

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