Die Entdeckung von Lebendigkeit und Würde
Qigong ist eine Methode zur umfassenden Förderung der menschlichen Entwicklung; es ist mehr als eine Maßnahme zur Gesunderhaltung oder zur Wiederherstellung der angeschlagenen Gesundheit. Es ist eine Methode aus einer uns fremden, östlichen Kultur, die für uns westliche Menschen nur zu einem teil erschließbar bleiben wird. Umso dringlicher ist es, sichGrundprinzipien der Lebensauffassung, die in und mit einer solchen Methode angesprochen werden, zu vergegenwärtigen. Ich will versuchen, einige Anregungen aus der Arbeit mit Charlotte Selver auf das Qigong für westliche Menschen zu übertragen. Sie nennt ihre Arbeit „sensory awareness“, ein Begriff, der den humanen Gehalt ihres Wirkens nur unzulänglich wiedergibt. An Hand von Experimenten, die in ihrer Einfachheit bestechen, bringt Selver es den TeilnehmerInnen ihrer Kurse nahe, zu entdecken, wo ihr Organismus schläft und wo er wach ist.

Beispiel: Ein flacher Stein liegt auf dem linken Handteller. Mit der rechten Hand wird der Stein außerordentlich sacht, mit aller Behutsamkeit aufgenommen, einige Zentimeter angehoben und anschließend wieder Millimeter für Millimeter auf den Handteller abgesetzt. Dies wird einige Male wiederholt. Die Aufmerksamkeit ist diesem Vorgang voll zugewandt: wie und wo wird beispielsweise zunächst die Entlastung, dann die Wiederbelastung der linken Hand erlebt? Wann verlässt der Stein die Hand, wann und wie kommt er wieder an? Ist die handelnde Person so durchlässig, dass sich die Wiederbelastung bis hinunter zur Fußsohle bemerkbar machen kann?
Topografie der Bewußtseinszustände
Wenn uns jemand sanft über den Rücken streicht, wo sagen die Hände „Wach auf, wach auf!“. Denn: „Das Gewebe ist hungrig danach, lebendig zu sein“. In den Experimenten lernen wir, in uns zu wohnen, auf den Organismus und seine Weisheit zu vertrauen, ihn ernst zu nehmen und auf ihn feinfühlig zu hören. Wenn wir auf dem Boden liegen und mit dem linken Bein Kontakt zum Boden suchen, so experimentieren wir.
„Gehe mit dem Bein wie mit etwas um, dass sehr wertvoll ist. Du bis das, das sehr wertvoll ist. Achte auf Dich… Werfe Dich nicht weg. Deine Beine sind nicht für den Mülleimer!“ – Selver
In dem Entdecken und dem Zulassen des unmittelbaren Erlebens liegt ein Schatz verborgen: wir entdecken unseren eigenen, durch nichts zu übertreffenden Wert. In der Gegenwärtigkeit werden wir unserer Würde als menschliche Wesen bewußt. Die einfach scheinenden Experimente lassen eine Qualität aufscheinen. Wir werden gewahr, dass wir unmittelbar jedes „Körper“-Teil sind, dass wir unauftrennbar sind.
„Es gibt keinen Körper. Wo sind Sie und wo ist Ihr Körper?“ – Selver
Gemäß unseren Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten haben wir uns in Kopf, Arme, Beine usw. aufgeteilt, denen wir mehr oder weniger (materiellen) Wert beimessen. In den vielfältigen Experimenten setzen wir uns mit unseren Widerständen auseinander, diese Funktionalisierung und Herabwürdigung unserer selbst aufzugeben: Kann ich mich annehmen in meinem Wert, in meiner unbestreitbaren Würde? Die Experimente mit Charlotte Selver lehren mit einer subtilen, im Prozess sich immer mehr Raum nehmenden, subversiven Macht, uns als Organismus aufzuwecken, uns unserer möglichen Lebendigkeit gewahr zu werden, uns auf unsere humane Würde zu besinnen und ihr gemäß unser
Leben einzurichten.
Die geschilderten Erfahrungen lassen sich auf den Prozess des Experimentierens beim Qigong übertragen. Qigong zu „lernen“ bedeutet, einen Erkundungsprozess zu beginnen, bei dem die distanzierende Aufteilung zwischen mir und meinem „übenden Körper“ nach und nach aufgegeben werden kann. Die Distanz zwischen dem beobachtenden Ich und dem beobachteten Körper verringert sich in dem Prozess der Wiederentdeckung der Unmittelbarkeit.
Auf der Qigong-Entdeckungsreise werden wir an Stellen und Regionen unseres Organismus gelangen, die weiße Flecken auf der Landkarte des Organismus geblieben oder geworden sind: sind abgespalten oder eingeschläfert worden. Die Bewegungen und Haltungen in den Bildern einer Qigongsequenz werden sich wandeln von einem äußerlichen, gymnastischen Geschehen zu einem experimentierenden Erzeugen von bedeutungshaltigen Situationen, in denen ich mir in meiner einzigartigen Lebendigkeit gewahr werden kann. Oder ich bemerke, dass ich in dieser Situation des Aufrechtseins, des Öffnens, des Schenkens usw. noch gepanzert, undurchlässig, von widerstreitenden Zielsetzungen angefüllt bin; ich bin noch nicht frei für die unmittelbare Hingabe an die innere Führung.
Wilfried Belschner: Beziehungen zu Qigong
